Print: Tot, aber mun­ter


Jähr­lich im Mai ver­sam­melt sich die euro­päi­sche Medi­en­welt am Euro­pean News­pa­per Con­gress (ENC) in Wien – und debat­tiert im ehr­wür­di­gen Rat­haus-Saal über erfolg­rei­che Stra­te­gi­en für Medi­en­häu­ser. «Print ist tot», sag­ten da die Jung­spun­de. «Print lebt», bewie­sen zahl­rei­che Refe­ren­ten. Nun denn: Wer nicht am Kon­gress dabei sein konn­te oder ihn noch­mals Revue pas­sie­ren las­sen will – hier ist ein Rück­blick in mun­te­ren Zita­ten. Und wer sich lie­ber die Vor­trä­ge in vol­ler Län­ge geben will, kann dies auf der You­tube-Sei­te des ENC tun.

Krea­ti­vi­tät braucht Atmo­sphä­re. Du kannst Krea­ti­vi­tät nicht in vor­ge­schrie­be­ne Work­flows gies­sen. Krea­ti­vi­tät hat was mit Men­schen zu tun, mit Geist. Und es hat ganz viel mit Ver­trau­en in Men­schen zu tun.

Julia Jäkel, CEO von Gruner+Jahr, glaubt an die Macht der Krea­ti­vi­tät und setzt bei neu­en Pro­jek­ten auf Hemds­ärm­lig­keit.

Wir haben die Mar­ke­ting-Onkels nicht mehr, dafür haben wir mehr Redak­teu­re.

Ger­rit Klein, CEO des Ebner-Fach­ver­la­ges, fin­det, dass der Redak­tor das bes­te Mar­ke­ting-Tool für das Pro­mo­ten sei­ner Sto­ries ist.

War­um müs­sen Kios­ke immer so lang­wei­lig sein? Das kann man doch schö­ner machen.

Tyler Brûlé, Ver­le­ger, ver­steht nicht, war­um Kios­ke immer so unse­xy sind.

Es ist sehr schwie­rig, digi­tal begehr­lich zu glän­zen, das geht mit einem gedruck­ten Hoch­glanz-Maga­zin bes­ser. Hoch­glanz und opti­scher Luxus ist immer noch ein Pri­vi­leg von Print. Aber hoch­glän­zi­ges Papier reicht nicht, es braucht mehr.

Tho­mas Lind­ner, Vor­sit­zen­der der Geschäfts­füh­rung der Frank­fur­ter All­ge­mei­nen Zei­tung, hat Print noch nicht ganz auf­ge­ge­ben. Mit dem Hoch­glanz-Maga­zin Frank­fur­ter All­ge­mei­ne Quar­ter­ly (FAQ) ver­dient man zwar kein Geld, aber man tut es aus Freu­de an der Sache.

Wir müs­sen vor lau­ter Face­book und Snap­chat schau­en, dass auf Redak­tio­nen noch dis­ku­tiert und debat­tiert wird.

Chris­ti­an Lind­ner, Jour­na­list, wünscht sich auf Redak­tio­nen wie­der mehr Gesprä­che statt Scrol­len und Swi­pen.

Frau­en haben eine 16 Pro­zent höhe­re Boun­ce-Rate als Män­ner. Frau­en lie­fern vier Pro­zent weni­ger Page Impres­si­ons als Män­ner. Und Frau­en haben eine kür­ze­re Ver­weil­dau­er pro Besuch als Män­ner.

Peter Wäl­ty von 20 Minu­ten weiss ALLES über sei­ne Online-Kund­schaft – Daten sei dank.

Die Guten­berg-Pra­xis ver­glüht, wir befin­den uns im Age of Screens.

Mar­tin Zim­per von der Zür­cher Hoch­schu­le der Küns­te wünscht sich von den Redak­tio­nen mehr gut gemach­te Videobei­trä­ge.

Als wir zum ers­ten Mal kon­struk­ti­ven Jour­na­lis­mus mach­ten, hat das nicht funk­tio­niert, weil wir ein schlech­tes Logo hat­ten.

Oli­ver Rein­hard, Säch­si­sche Zei­tung, hat ein­ge­se­hen, dass schlech­tes Logo-Design die Rele­vanz des Inhalts schmä­lern kann.

Frü­her haben wir unse­re Geschich­ten den Jour­na­lis­ten ange­bo­ten, mit unge­wis­sem Aus­gang. Heu­te machen wir sie sel­ber. Und wir bie­ten sie online ohne Paywall an.

Patrick Kam­me­rer, Direc­tor Public Affairs and Com­mu­ni­ca­ti­ons von Coca Cola, mag nicht mehr die Jour­na­lis­ten bekni­en. Und dass Coca Cola kei­ne Paywall hoch­fährt, ist doch äus­serst gross­zü­gig.

Jeder möch­te mal Trump sein und auf nichts Rück­sicht neh­men müs­sen. Die­sen gehei­men Wunsch hegt jeder in sich.

Johan Vet­ter, Lei­ter Cor­po­ra­te Com­mu­ni­ca­ti­ons des Mine­ral­öl­kon­zerns OMV, schaut tief in die Psy­che des Publi­kums.

Inves­to­ren lie­ben Geschich­ten, fast noch mehr als Busi­ness-Plä­ne.

Con­stan­tin Seibt von «Die Repu­blik» über die Moti­va­ti­on von Inves­to­ren, die bereit sind, Geld für Online-Jour­na­lis­mus locker zu machen.

An der einen oder ande­ren Stel­le stän­de uns mehr Deu­tungs­de­mut gut zu Gesicht.

Gio­van­ni die Loren­zo, Chef­re­dak­tor Die Zeit, wünscht sich wie­der mehr Nach­den­ken und weni­ger Raus­hau­en von den Jour­na­lis­ten.

Foto­re­por­ta­gen gehö­ren zum selbst­ver­ständ­li­chen Auf­tritt einer Zei­tung. Das ist ein gros­ses Gebiet, wo man noch mehr machen könn­te.

Nor­bert Küp­per, Ver­an­stal­ter des Euro­pean News­pa­per Awards, gibt den Jour­na­lis­ten einen Hin­weis, wo visu­ell noch viel Poten­zi­al brach liegt.

Unser Art Direc­tor Peter Breul hat etwas, das vie­len Art Direc­tors fehlt: Ers­tens liest er jeden Arti­kel in der Zei­tung. Und zwei­tens beweist er in der Umset­zung von Inhal­ten visu­el­le Intel­li­genz.

Jür­gen Kau­be, Her­aus­ge­ber der Frank­fur­ter All­ge­mei­nen Zei­tung, lobt sei­nen Gestal­tungs­chef für die Sonn­tags­zei­tung in den höchs­ten Tönen.

The­re is only one les­son to remem­ber: The­re is no truth. Always be ready to chan­ge.

Susan­na Ilmo­ni, Chef­re­dak­to­rin der Lokal­zei­tung «Huf­vud­stads­bla­det» in Finn­land, hat mit ihrer Zei­tung sowohl im Print als auch online viel aus­pro­biert. Und ist fest ent­schlos­sen, das auch wei­ter­hin zu tun. Mit die­ser Ein­stel­lung ist das Blatt immer­hin Lokal­zei­tung des Jah­res gewor­den.

Wir haben den Dress­code bei Daim­ler nicht geän­dert, nur weil wir jetzt einen Blog­ger ange­stellt haben. Der Dress­code wur­de schon vor­her gelo­ckert.

Jörg Howe, Lei­ter Glo­ba­le Kom­mu­ni­ka­ti­on bei Daim­ler, erklärt, dass es für sei­ne Fir­ma ein Kul­tur­wech­sel ist, wenn man einen Blog­ger ein­setzt. Der inter­ne Ein­fluss des Blog­gers scheint aber Gren­zen zu haben.

Unse­re Zei­tung liebt die Frau­en. Und die Frau­en lie­ben unse­re Zei­tung.

Chris­ti­an Jen­sen, Chef­re­dak­teur der däni­schen Zei­tung Poli­ti­ken, über eines der vie­len Erfolgs­re­zep­te sei­nes Medi­ums. Kein Wun­der, wur­de der Titel zur «Euro­päi­schen Zei­tung des Jah­res» gewählt.

Print stirbt.

Lina Timm vom Start-up Media Lab Bay­ern gehört zu den «Young Pro­fes­sio­nals» und kann dem Papier nicht mehr all­zu­viel abge­win­nen.

Zei­tun­gen soll­ten nicht wie Web­sei­ten aus­se­hen. Und sie soll­ten visu­ell einen soli­den Auf­tritt haben.

Ronald Ock­huy­sen, Chef­re­dak­tor der nie­der­län­di­schen «Het Parool», hat den Titel «Euro­päi­sche Regio­nal­zei­tung des Jah­res» ergat­tert. Und er hat eine kla­re Mei­nung dazu, wer im News­room den Ton angibt: Die Krea­tiv­ab­tei­lung.

Wir haben es ein­fa­cher als vie­le Ande­re, weil wir kei­ne Print­mar­ke ins Hier und Jetzt über­set­zen und neu erfin­den müs­sen.

Nora Beckers­haus vom Online-Maga­zin Refi­ne­ry29 ist New­co­me­rin des Jah­res. Und ganz froh, dass sie sich nur auf den Online-Kanal kon­zen­trie­ren muss.

In Rumä­ni­en gibt es ein Sprich­wort: Die Pes­si­mis­ten sagen, es kann nicht schlim­mer kom­men. Und die Opti­mis­ten sagen doch, es kann. 

Der Chef­re­dak­tor der rumä­ni­schen Wirt­schafts-Zeit­schrift Eco­no­mis­tul glaubt trotz­dem, dass Print über­le­ben wird.



Der visu­el­le Nie­der­gang der Bas­ler Zei­tung

Hat optisch schon bes­se­re Tage gese­hen: Die Bas­ler Zei­tung. Bild: happysvendesign.ch

Die Mel­dung ist vor ein paar Wochen raus: Die Bas­ler Zei­tung (BaZ) lagert ihre Lay­out-Abtei­lung aus – ins 200 Kilo­me­ter ent­fern­te Chur, zu der Süd­ost­schweiz-Medi­en­grup­pe. Der­weil man sich hin­ter den Kulis­sen noch strei­tet, ob es sich hier um eine Mas­sen­ent­las­sung han­delt oder nicht, darf man gleich­zei­tig fest­stel­len, dass der Schritt nur kon­se­quent ist: Gestal­tungs­fra­gen spie­len näm­lich bei der BaZ seit ein paar Jah­ren sowie­so nur noch eine unter­ge­ord­ne­te Rol­le.

Doch dre­hen wir zuerst das Rad der Zeit etwas zurück. Es gab gestal­te­risch glor­rei­che Zei­ten bei der Bas­ler Zei­tung: Im Jahr 2008 wur­de sie dafür sogar euro­pä­isch preis­ge­krönt und erhielt den Titel «Best Desi­gned Regio­nal News­pa­per of Euro­pe». Die Jury kam damals zu fol­gen­dem Urteil:

Der Ein­satz der Schrift «Hel­ve­ti­ca» und die Haus­far­be Rot geben der Bas­ler Zei­tung ihr cha­rak­te­ris­ti­sches Schwei­zer Aus­se­hen. Jury-Mit­glie­der aus Skan­di­na­vi­en, den Nie­der­lan­den und Spa­ni­en schät­zen die Zei­tung für ihre kla­re und prä­gnan­te Prä­sen­ta­ti­on. Die Bas­ler Zei­tung hat in den letz­ten Jah­ren eini­ge Ver­än­de­run­gen durch­ge­macht, blieb dabei aber immer ihrem sau­be­ren und kla­ren Lay­out ver­pflich­tet. Die Zei­tung spielt mit vier ver­schie­de­nen Far­ben, die aber nur auf den Bund­auf­tak­ten ver­wen­det wer­den. Das kla­re Lay­out posi­tio­niert die Zei­tung als eine ruhi­ge Insel in einem unru­hi­gen Zei­tungs­markt.

Die Bas­ler Zei­tung war also ein­mal so etwas wie der gestal­te­ri­sche Leucht­turm der Regio­nal­zei­tun­gen in der Schweiz. Zu einer Zeit, als bei vie­len Regio­nal­zei­tun­gen Gestal­tungs­fra­gen nur eine unter­ge­ord­ne­te Rol­le spiel­ten, setz­te die BaZ die Lat­te gekonnt hoch und zeig­te auf, dass mit gutem Wil­len und Sach­ver­stand auch eine Regio­nal­zei­tung optisch anstän­dig daher kom­men kann. Typo­gra­fisch gelang der Zei­tung ein klei­ner Coup: Der Ein­satz von Hel­ve­ti­ca als Titel­schrift sorg­te für einen schnör­kel­lo­sen opti­schen Auf­tritt des Titels. Die Hel­ve­ti­ca ist eine Schrift, die es zu Welt­ruhm gebracht hat­te; ent­wi­ckelt wur­de sie von Max Mie­din­ger und Edu­ard Hoff­mann in Mün­chen­stein bei Basel. Hier wur­de also ein­hei­mi­sches Schrift­schaf­fen in beson­de­rem Mas­se gewür­digt.

Von die­sem Glanz konn­te die Bas­ler Zei­tung gera­de ein­mal zwei Jah­re zeh­ren. 2010 wur­de sie ver­kauft – und erleb­te seit­her inhalt­lich einen deut­li­chen Rechts­rutsch. Mit Mar­kus Somm hielt ein Chef­re­dak­tor Ein­zug, der schon bald nach dem Antritt eine Lay­out-Reon­vie­rung durch­setz­te und die­se so ver­kün­de­te:

Pünkt­lich zum 1. Dezem­ber hin wur­de das Lay­out der Bas­ler Zei­tung auf­ge­frischt. Die bis­he­ri­ge Bunt­heit wur­de durch ein klas­si­sche­res Bild ersetzt.

Wer am 1. Dezem­ber die Bas­ler Zei­tung anschau­te, dem schwan­te nichts gutes: Da wur­de auf­ge­räumt. Ele­men­te, wel­che der Zei­tung ihr preis­ge­krön­tes Aus­se­hen ver­lie­hen, wur­den radi­kal ent­fernt. Wäh­rend man dem Publi­kum erklär­te, dass man mit dem Schritt mehr Tief­gang errei­chen und lan­ge und sehr lan­ge Tex­te ins Blatt rücken wol­le, war für Gestal­ter klar: Ab jetzt regiert nur noch das Wort, die Optik ist zweit­ran­gig gewor­den. Wie das in der Zei­tung aus­sieht, davon konn­te man sich schon bald über­zeu­gen. Es gab Zei­tungs­sei­ten, die voll waren mit Text – und das ein­zi­ge Bild auf der Sei­te war ein halb­sei­ti­ges Por­trät-Bild des Chef­re­dak­tors. Mit moder­nen Ansät­zen im Zei­tungs­de­sign hat­te das nicht mehr viel zu tun.

Wenn man in die­ser Zeit Mit­ar­bei­ter der Gestal­tungs­ab­tei­lung traf, so war dies sehr bemer­kens­wert. Es herrsch­te nack­te Panik! Man gab den Gestal­tern zu ver­ste­hen, dass ihre Rol­le künf­tig nur noch Hand­lan­ger­sta­tus hat. Die Exper­ti­se des Fach­per­so­nals war intern nicht mehr gefragt. Wäh­rend eine gute Zei­tung davon lebt, dass Gestal­tungs­ab­tei­lung und Redak­ti­on Hand in Hand arbei­ten, wur­de die­ses Prin­zip bei der BaZ ab sofort abge­schafft. Die Abtei­lung wur­de gar ange­wie­sen, die grös­se­ren Schwei­zer Zei­tun­gen abzu­te­le­fo­nie­ren und nach­zu­fra­gen, wie man dort in Sachen Lay­out orga­ni­siert sei; man suche bei der BaZ nach effi­zi­en­te­ren Wegen für die Erstel­lung der Lay­outs. Tele­fo­na­te, die für die­se Fach­leu­te sehr ent­wür­di­gend gewe­sen sein müs­sen.

Schaut man die BaZ heu­te an, so ist sie weit ent­fernt von einem stil­prä­gen­den Medi­um. Nach wie vor regie­ren Text­wüs­ten. Die Titel­hier­ar­chie ist durch­ein­an­der gera­ten. Es gibt Sei­ten, die in der Zusam­men­set­zung des Lay­outs belie­big wir­ken. Bild­schwer­punk­te sucht man oft ver­ge­bens, eine ein­heit­li­che Bild­spra­che scheint es nicht mehr zu geben. Der Typo­gra­fie wird nicht mehr all­zu­viel Sor­ge getra­gen. Die Zei­tung wirkt wie ein Relikt: Man sieht, dass die BaZ visu­ell ein­mal gros­se Zei­ten hat­te, aber inzwi­schen sind davon nur noch Frag­men­te übrig­ge­blie­ben. Lese­freund­lich­keit sieht anders aus.

Dabei kann man nicht ein­mal den ver­blie­be­nen Mit­ar­bei­tern in der Gestal­tung einen Vor­wurf machen. Sie wol­len es eigent­lich gut machen, wer­den aber intern oft igno­riert; kein Wun­der, wenn sich da irgend­wann Resi­gna­ti­on breit macht. Erst recht, wenn jetzt ein Kahl­schlag umge­setzt wird. So wie es aus­sieht wird in Basel nur noch ein Rumpf­team ver­blei­ben und der Rest dann bei der Süd­ost­schweiz in Chur erle­digt. Es ist auch nicht gera­de ein Trost, wenn betrof­fe­nen Mit­ar­bei­tern allen­falls ein Ersatz­job in Chur ange­bo­ten wird, wie die BaZ ver­lau­ten liess. Wer will schon täg­lich 400 Kilo­me­ter pen­deln.

Eine Zei­tung ist dann am bes­ten gemacht, wenn mög­lichst viel in der Redak­ti­on vor Ort rea­li­siert wer­den kann. Erfah­rungs­ge­mäss hat das Out­sour­cing im Lay­out­be­reich noch sel­ten dazu geführt, dass ein Titel dann bes­ser auss­sieht. Ich möch­te mir gar nicht vor­stel­len, wie­vie­le Tele­fo­na­te und E-Mails da in der Tages­pro­duk­ti­on hin- und her­ge­scho­ben wer­den müs­sen; ob das dann effi­zi­en­ter ist, steht auf einem ande­ren Blatt. Aber um opti­sche Bril­lanz geht es bei die­sem Pro­jekt ja längst nicht mehr, son­dern um das lieb­lo­se und ratio­nel­le Abwi­ckeln eines pro­duk­tio­nel­len Vor­gangs. Auf der Stre­cke blei­ben die Lei­den­schaft und die Krea­ti­vi­tät. Und – die Zah­len zei­gen es bei der BaZ schon längst – die Leser. Scha­de drum.

 


Kur­li­ge Kun­den

Wenn man es mit exter­ner Kund­schaft zu tun hat, wird es manch­mal schwie­rig. So wie die­ses Ping-Pong-Spiel, dass sich kürz­lich irgend­wo in der Schweiz zuge­tra­gen hat. Aus Dis­kre­ti­ons­grün­den wur­den alle Prot­ago­nis­ten anony­mi­siert. Ähn­lich­kei­ten mit real exis­tie­ren­den Per­so­nen sind rein zufäl­lig und nicht beab­sich­tigt.

Aus­gangs­la­ge: Es geht um die Gestal­tung einer Cover-Sei­te für eine Bei­la­ge. Sämt­li­che Kor­re­spon­denz wur­de per E-Mail geführt.

Kun­de: Grüe­zi. Anbei sen­den wir ihnen unser favo­ri­sier­tes Bild für die Titel­sei­te. Bit­te sen­den sie uns das fer­ti­ge Cover umge­hend zur Abnah­me zu.

Gestal­ter: Sehr geehr­ter Kun­de. Lei­der eig­net sich Ihr Bild nicht für die Titel­sei­te. Ers­tens hat es kei­nen Frei­raum, wo wir Titel und Unter­zei­le plat­zie­ren kön­nen. Zwei­tens ist das Bild lei­der sehr nichts­sa­gend und ent­spricht auch nicht unse­rer Bild­spra­che. Ich habe mir dar­um erlaubt, ein geeig­ne­tes Bild zu recher­chie­ren. Den Vor­schlag erhal­ten Sie anbei.

Kun­de: Ihr Vor­schlag ist uns zu düs­ter und zu far­big. Aus­ser­dem passt er aus unse­rer Sicht nicht zum  The­ma der Bei­la­ge. Wir haben uns etwas vor­ge­stellt, das den Inhalt schön wie­der­spie­gelt. Wich­tig ist uns zudem, dass fol­gen­de Aspek­te berück­sich­tigt wer­den: Aspekt A, Aspekt B, Aspekt C und Aspekt D. Wenn Sie also ein Bild hät­ten, dass all die­se Aspek­te ein­löst, wäre das super. Wir haben auch  noch­mals ein paar Bil­der gesucht, die­se fin­den Sie anbei.

Gestal­ter: Lei­der ist es sehr schwie­rig, Bil­der zu fin­den, die alle Ihre gewünsch­ten Aspek­te beinhal­ten. Für ein Titel­bild soll­te man sich auf eine Kern­aus­sa­ge beschrän­ken, damit das Cover gut wirkt. Ich habe noch­mals recher­chiert und sen­de Ihnen drei wei­te­re Vor­schlä­ge, die mei­nes Erach­tens gut auf die The­ma­tik ein­ge­hen. Die von Ihnen gesand­ten Bil­der eig­nen sich lei­der nicht, da es Quer­for­mat-Bil­der sind, wir aber auf dem Cover nur ein Bild im Hoch­for­mat ver­wen­den kön­nen. Aus­ser­dem Feh­len auf Ihren Bil­dern Men­schen; da wir aber auch einen emo­tio­na­len Zugang zum The­ma schaf­fen wol­len, braucht es Men­schen auf dem Titel­bild.

Kun­de: Bes­ten Dank für Ihre Vor­schlä­ge. Das stimmt nicht schlecht von der Rich­tung her; aller­dings fehlt uns hier etwas die Far­be. Wir haben dar­um auch noch­mals nach­ge­schaut und sen­den Ihnen wei­te­re Bil­der, die uns sehr gut gefal­len.

Gestal­ter: Lei­der feh­len auf Ihren Bil­dern wie­der­um Men­schen. Zudem fehlt auch hier der Frei­ruam für die Titel­zei­le. Ich habe dar­um den Bild­an­teil klei­ner gemacht und den Titel nun aus­ser­halb des Bil­des gesetzt. Dadurch haben wir kein Hoch­for­mat mehr, son­dern ein qua­dra­ti­sches Bild. Ihre Bil­der funk­tio­nie­ren dann lei­der nicht mehr.

Kun­de: Das ist scha­de, dass der Titel nicht mehr im Bild ist. Was hal­ten Sie eigent­lich von die­sen drei neu­en Bil­dern in der Bei­la­ge? Wir haben uns aus­ser­dem intern bespro­chen; es wäre für uns auch okay, wenn das Bild nur den Aspekt A zeigt, auf die übri­gen Aspek­te kann man ver­zich­ten. Viel­leicht könn­ten sie noch­mals dies­be­züg­lich in Ihrer Bild­da­ten­bank nach­schau­en.

Gestal­ter: Ich habe wie gewünscht ent­spre­chen­de Bil­der gesucht und zudem erneut Vari­an­ten mit Ihren Bil­dern gemacht, die sich aber lei­der wei­ter­hin nicht eige­nen, um die Typo­gra­fie unter­zu­brin­gen. Sie haben inzwi­schen in den letz­ten zwei Tagen 25 Vor­schä­ge von uns erhal­ten und wir wären froh, wenn wir auf die Ziel­li­nie ein­schwen­ken könn­ten. Wir gehen mor­gen Nach­mit­tag in den Druck, müs­sen also das Cover bis am Mit­tag fer­tig haben.

Kun­de: Herz­li­chen Dank für Ihre Rück­mel­dung. Wir möch­ten noch­mals alle Vor­schlä­ge durch­se­hen und mel­den uns mor­gen bis um 9 Uhr bei Ihnen.

Am Fol­ge­tag, um 10 Uhr:

Kun­de: Bit­te ver­zei­hen Sie, dass wir uns erst jetzt mel­den, die Dis­kus­si­on hat län­ger gedau­ert als ange­nom­men. Wir haben uns für Ihren aller­ers­ten Vor­schlag ent­schie­den mit der leicht düs­te­ren Far­be. Könn­ten Sie uns bit­te das fina­le Cover umge­hend zukom­men las­sen, damit wir alles noch­mals einer Schluss­prü­fung unter­zie­hen kön­nen. Herz­li­chen Dank für die unkom­pli­zier­te Zusam­men­ar­beit.

 


Krea­ti­vi­tät ist 20 Stutz wert

Die Front­sei­te der neu­en Schwei­zer 20er-Note, die ab dem 17. Mai in Umlauf kommt.

Jetzt sind sie da: Heu­te wur­de die neue 20er-Note vor­ge­stellt, die von der Schwei­ze­ri­schen Natio­nal­bank ab dem 17. Mai in Umlauf gege­ben wird. Eine Design­kri­tik soll das hier nicht wer­den, getreu dem Mot­to, man soll nur an Din­gen her­um­mä­keln, die man auch sel­ber in Hän­den hal­ten kann. Die Mei­nung des Publi­kums auf den sozia­len Medi­en ist erfah­rungs­ge­mäss geteilt. Das ist aber auch egal; bei einem Mega-Pro­jekt wie Bank­no­ten kann man nicht jeden Ein­woh­ner die­ses Lan­des fra­gen, ob das Design dem indi­vi­du­el­len Geschmack ent­spricht. Aus­ser­dem hat die Desi­gne­rin der Bank­no­ten, die Luzer­ne­rin Manue­la Pfrun­der, jah­re­lang an dem Pro­jekt gear­bei­tet; für die 50er-Note etwa benö­tig­te sie elf Jah­re.

Bank­no­ten­de­sign ist folg­lich die Nische der Nische der Nische, wenn man bedenkt, dass so alle 20 Jah­re mal ein Gra­fi­ker in die­sem Land zu so einem Job kommt. Auch an Kom­ple­xi­tät dürf­te der Auf­trag wohl kaum zu über­bie­ten sein, müs­sen doch gestal­te­ri­sche Fra­gen immer wie­der mit Sicher­heits­an­for­de­run­gen in Ein­klang gebracht wer­den. Wie so eine Dis­kus­si­on mit den Auf­trag­gebern abläuft, möch­te ich mir lie­ber nicht vor­stel­len.

Doch kom­men wir­zu einem ande­ren Aspekt der 20er-Note: Sie ist dem The­ma «Krea­ti­vi­tät» gewid­met, das wie­der­um mit dem «Haupt­ele­ment Licht» illus­triert wer­den soll. Mit ande­ren Wor­ten: Die Krea­tiv­bran­che hat jetzt ein klei­nes Denk­mal in Form einer Bank­no­te bekom­men. Dass man dafür aus­ge­rech­net die 20er-Note und nicht etwa die 1000er-Note genom­men hat, scheint fast etwas iro­nisch zu sein, wenn man weiss, wie unter­be­zahlt vie­le Krea­tiv­schaf­fen­de sind. Hof­fen wir, dass dies bei poten­zi­el­len Auf­trag­ge­bern nicht fal­sche Erwar­tun­gen aus­löst, so nach dem Mot­to «Ich geb dir 20 Stutz und du machst mir ein schö­nes Logo dafür». Da müss­te man dann dem Kun­den klar machen, dass er schon ein gan­zes 20er-Bün­del hin­le­gen muss. Alter­na­tiv wer­den dann auch die 1000er-Noten ger­ne akzep­tiert, auch wenn man der­zeit noch nicht weiss, wel­chem Mot­to die­se gewid­met sein wer­den.

Abschlies­send noch ein Wort zur ver­wen­de­ten Typo­gra­fie auf den Bank­no­ten: Die­se ent­spricht der Haus­schrift der Schwei­ze­ri­schen Natio­nal­bank – die Bank ver­fügt näm­lich über eine eige­ne Schrift­art, die nir­gends käuf­lich zu erwer­ben ist. Sie trägt den Namen «SNB Alpha­bet» und wur­de vom Schwei­zer Typo­gra­fen Hans Edu­ard Mei­er gestal­tet (eben­falls Erfin­der der Basis­schrift an Schwei­zer Schu­len, was zur Abschaf­fung der Schnür­lischrift führ­te). For­mal han­delt es sich hier um eine adap­tier­te Ver­si­on der «Hel­ve­ti­ca Con­den­sed» – was nichts mehr als recht ist: Wo Schweiz drauf steht, soll auch Schweiz drin sein.

Die Geschich­te der 20er-Note

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Alle Bil­der: Web­site der Schwei­ze­ri­schen Natio­nal­bank