Kur­li­ge Kun­den

Wenn man es mit exter­ner Kund­schaft zu tun hat, wird es manch­mal schwie­rig. So wie die­ses Ping-Pong-Spiel, dass sich kürz­lich irgend­wo in der Schweiz zuge­tra­gen hat. Aus Dis­kre­ti­ons­grün­den wur­den alle Prot­ago­nis­ten anony­mi­siert. Ähn­lich­kei­ten mit real exis­tie­ren­den Per­so­nen sind rein zufäl­lig und nicht beab­sich­tigt.

Aus­gangs­la­ge: Es geht um die Gestal­tung einer Cover-Sei­te für eine Bei­la­ge. Sämt­li­che Kor­re­spon­denz wur­de per E-Mail geführt.

Kun­de: Grüe­zi. Anbei sen­den wir ihnen unser favo­ri­sier­tes Bild für die Titel­sei­te. Bit­te sen­den sie uns das fer­ti­ge Cover umge­hend zur Abnah­me zu.

Gestal­ter: Sehr geehr­ter Kun­de. Lei­der eig­net sich Ihr Bild nicht für die Titel­sei­te. Ers­tens hat es kei­nen Frei­raum, wo wir Titel und Unter­zei­le plat­zie­ren kön­nen. Zwei­tens ist das Bild lei­der sehr nichts­sa­gend und ent­spricht auch nicht unse­rer Bild­spra­che. Ich habe mir dar­um erlaubt, ein geeig­ne­tes Bild zu recher­chie­ren. Den Vor­schlag erhal­ten Sie anbei.

Kun­de: Ihr Vor­schlag ist uns zu düs­ter und zu far­big. Aus­ser­dem passt er aus unse­rer Sicht nicht zum  The­ma der Bei­la­ge. Wir haben uns etwas vor­ge­stellt, das den Inhalt schön wie­der­spie­gelt. Wich­tig ist uns zudem, dass fol­gen­de Aspek­te berück­sich­tigt wer­den: Aspekt A, Aspekt B, Aspekt C und Aspekt D. Wenn Sie also ein Bild hät­ten, dass all die­se Aspek­te ein­löst, wäre das super. Wir haben auch  noch­mals ein paar Bil­der gesucht, die­se fin­den Sie anbei.

Gestal­ter: Lei­der ist es sehr schwie­rig, Bil­der zu fin­den, die alle Ihre gewünsch­ten Aspek­te beinhal­ten. Für ein Titel­bild soll­te man sich auf eine Kern­aus­sa­ge beschrän­ken, damit das Cover gut wirkt. Ich habe noch­mals recher­chiert und sen­de Ihnen drei wei­te­re Vor­schlä­ge, die mei­nes Erach­tens gut auf die The­ma­tik ein­ge­hen. Die von Ihnen gesand­ten Bil­der eig­nen sich lei­der nicht, da es Quer­for­mat-Bil­der sind, wir aber auf dem Cover nur ein Bild im Hoch­for­mat ver­wen­den kön­nen. Aus­ser­dem Feh­len auf Ihren Bil­dern Men­schen; da wir aber auch einen emo­tio­na­len Zugang zum The­ma schaf­fen wol­len, braucht es Men­schen auf dem Titel­bild.

Kun­de: Bes­ten Dank für Ihre Vor­schlä­ge. Das stimmt nicht schlecht von der Rich­tung her; aller­dings fehlt uns hier etwas die Far­be. Wir haben dar­um auch noch­mals nach­ge­schaut und sen­den Ihnen wei­te­re Bil­der, die uns sehr gut gefal­len.

Gestal­ter: Lei­der feh­len auf Ihren Bil­dern wie­der­um Men­schen. Zudem fehlt auch hier der Frei­ruam für die Titel­zei­le. Ich habe dar­um den Bild­an­teil klei­ner gemacht und den Titel nun aus­ser­halb des Bil­des gesetzt. Dadurch haben wir kein Hoch­for­mat mehr, son­dern ein qua­dra­ti­sches Bild. Ihre Bil­der funk­tio­nie­ren dann lei­der nicht mehr.

Kun­de: Das ist scha­de, dass der Titel nicht mehr im Bild ist. Was hal­ten Sie eigent­lich von die­sen drei neu­en Bil­dern in der Bei­la­ge? Wir haben uns aus­ser­dem intern bespro­chen; es wäre für uns auch okay, wenn das Bild nur den Aspekt A zeigt, auf die übri­gen Aspek­te kann man ver­zich­ten. Viel­leicht könn­ten sie noch­mals dies­be­züg­lich in Ihrer Bild­da­ten­bank nach­schau­en.

Gestal­ter: Ich habe wie gewünscht ent­spre­chen­de Bil­der gesucht und zudem erneut Vari­an­ten mit Ihren Bil­dern gemacht, die sich aber lei­der wei­ter­hin nicht eige­nen, um die Typo­gra­fie unter­zu­brin­gen. Sie haben inzwi­schen in den letz­ten zwei Tagen 25 Vor­schä­ge von uns erhal­ten und wir wären froh, wenn wir auf die Ziel­li­nie ein­schwen­ken könn­ten. Wir gehen mor­gen Nach­mit­tag in den Druck, müs­sen also das Cover bis am Mit­tag fer­tig haben.

Kun­de: Herz­li­chen Dank für Ihre Rück­mel­dung. Wir möch­ten noch­mals alle Vor­schlä­ge durch­se­hen und mel­den uns mor­gen bis um 9 Uhr bei Ihnen.

Am Fol­ge­tag, um 10 Uhr:

Kun­de: Bit­te ver­zei­hen Sie, dass wir uns erst jetzt mel­den, die Dis­kus­si­on hat län­ger gedau­ert als ange­nom­men. Wir haben uns für Ihren aller­ers­ten Vor­schlag ent­schie­den mit der leicht düs­te­ren Far­be. Könn­ten Sie uns bit­te das fina­le Cover umge­hend zukom­men las­sen, damit wir alles noch­mals einer Schluss­prü­fung unter­zie­hen kön­nen. Herz­li­chen Dank für die unkom­pli­zier­te Zusam­men­ar­beit.

 


Krea­ti­vi­tät ist 20 Stutz wert

Die Front­sei­te der neu­en Schwei­zer 20er-Note, die ab dem 17. Mai in Umlauf kommt.

Jetzt sind sie da: Heu­te wur­de die neue 20er-Note vor­ge­stellt, die von der Schwei­ze­ri­schen Natio­nal­bank ab dem 17. Mai in Umlauf gege­ben wird. Eine Design­kri­tik soll das hier nicht wer­den, getreu dem Mot­to, man soll nur an Din­gen her­um­mä­keln, die man auch sel­ber in Hän­den hal­ten kann. Die Mei­nung des Publi­kums auf den sozia­len Medi­en ist erfah­rungs­ge­mäss geteilt. Das ist aber auch egal; bei einem Mega-Pro­jekt wie Bank­no­ten kann man nicht jeden Ein­woh­ner die­ses Lan­des fra­gen, ob das Design dem indi­vi­du­el­len Geschmack ent­spricht. Aus­ser­dem hat die Desi­gne­rin der Bank­no­ten, die Luzer­ne­rin Manue­la Pfrun­der, jah­re­lang an dem Pro­jekt gear­bei­tet; für die 50er-Note etwa benö­tig­te sie elf Jah­re.

Bank­no­ten­de­sign ist folg­lich die Nische der Nische der Nische, wenn man bedenkt, dass so alle 20 Jah­re mal ein Gra­fi­ker in die­sem Land zu so einem Job kommt. Auch an Kom­ple­xi­tät dürf­te der Auf­trag wohl kaum zu über­bie­ten sein, müs­sen doch gestal­te­ri­sche Fra­gen immer wie­der mit Sicher­heits­an­for­de­run­gen in Ein­klang gebracht wer­den. Wie so eine Dis­kus­si­on mit den Auf­trag­gebern abläuft, möch­te ich mir lie­ber nicht vor­stel­len.

Doch kom­men wir­zu einem ande­ren Aspekt der 20er-Note: Sie ist dem The­ma «Krea­ti­vi­tät» gewid­met, das wie­der­um mit dem «Haupt­ele­ment Licht» illus­triert wer­den soll. Mit ande­ren Wor­ten: Die Krea­tiv­bran­che hat jetzt ein klei­nes Denk­mal in Form einer Bank­no­te bekom­men. Dass man dafür aus­ge­rech­net die 20er-Note und nicht etwa die 1000er-Note genom­men hat, scheint fast etwas iro­nisch zu sein, wenn man weiss, wie unter­be­zahlt vie­le Krea­tiv­schaf­fen­de sind. Hof­fen wir, dass dies bei poten­zi­el­len Auf­trag­ge­bern nicht fal­sche Erwar­tun­gen aus­löst, so nach dem Mot­to «Ich geb dir 20 Stutz und du machst mir ein schö­nes Logo dafür». Da müss­te man dann dem Kun­den klar machen, dass er schon ein gan­zes 20er-Bün­del hin­le­gen muss. Alter­na­tiv wer­den dann auch die 1000er-Noten ger­ne akzep­tiert, auch wenn man der­zeit noch nicht weiss, wel­chem Mot­to die­se gewid­met sein wer­den.

Abschlies­send noch ein Wort zur ver­wen­de­ten Typo­gra­fie auf den Bank­no­ten: Die­se ent­spricht der Haus­schrift der Schwei­ze­ri­schen Natio­nal­bank – die Bank ver­fügt näm­lich über eine eige­ne Schrift­art, die nir­gends käuf­lich zu erwer­ben ist. Sie trägt den Namen «SNB Alpha­bet» und wur­de vom Schwei­zer Typo­gra­fen Hans Edu­ard Mei­er gestal­tet (eben­falls Erfin­der der Basis­schrift an Schwei­zer Schu­len, was zur Abschaf­fung der Schnür­lischrift führ­te). For­mal han­delt es sich hier um eine adap­tier­te Ver­si­on der «Hel­ve­ti­ca Con­den­sed» – was nichts mehr als recht ist: Wo Schweiz drauf steht, soll auch Schweiz drin sein.

Die Geschich­te der 20er-Note

Ein Klick auf die Bil­der öff­net die Bild­ga­le­rie mit wei­te­ren Infos.

Alle Bil­der: Web­site der Schwei­ze­ri­schen Natio­nal­bank



Ide­en-Klau im Glace-Regal

Zwei­mal Vanil­le – ein­mal bei Migros, ein­mal bei Coop.

Ver­pa­ckungs­de­sign – auch so eine net­te Nische. Und zwar eine, in der es pri­mär dar­um geht, das Pro­dukt ver­kaufs­för­dernd ein­zu­pa­cken. Mar­ke­ting-Über­le­gun­gen spie­len hier also oft die grös­se­re Rol­le als die Ästhe­tik. Nur manch­mal, da wird etwas Kult. Zum Bei­spiel die Glace-Ver­pa­ckun­gen der Migros, mit See­hund, Affe und Bär. Geschaf­fen wur­den sie 1975 vom dama­li­gen Migros-Chef­ver­pa­ckungs­de­si­gner Hans Uster, der eige­nen Aus­sa­gen zufol­ge gar nicht all­zu­viel über­legt hat, als er die­se Sujets schuf. Was wie­der mal zeigt, dass gutes Design oft dann ent­steht, wenn man gedank­lich gar nicht all­zu­viel rein­pro­je­ziert, son­dern sich ein­fach lei­ten lässt. Dass die Designs Kult­cha­rak­ter haben, dafür hat auch die Migros ein paar Jah­re gebraucht, um das fest­zu­stel­len – dafür wird dies jetzt umso­mehr aus­ge­schlach­tet; inzwi­schen gibt es auch See­hund-Tas­sen, See­hund-Tel­ler und See­hund-was-weiss-ich-noch alles.

Und inzwi­schen ist auch die Kon­kur­renz auf den Zug auf­ge­sprun­gen. Coop hat sei­ne Glace-Designs über­ar­bei­tet. Man kam auf die ori­gi­nel­le Idee, irgend­was mit Tie­ren zu machen. Doch las­sen wir erst mal die Bil­der spre­chen – links jeweils das Migros-Ori­gi­nal, rechts der neu­es­te Wurf von Coop:

Nun gibt es zwei Mög­lich­kei­ten, wie Coop zu die­sem Design gekom­men ist:

Mög­lich­keit A: Man hat beschlos­sen, die Gla­ce­ver­pa­ckung neu zu über­ar­bei­ten. Damit ist man in die Gra­fik­ab­tei­lung gegan­gen mit der Auf­for­de­rung «macht mal was». Die Gra­fik­ab­tei­lung legt ganz unvor­ein­ge­nom­men los, schnell reift die Idee, Tie­re als Sujets zu ver­wen­den, das kommt ja bei der pri­mä­ren Ziel­grup­pe (Kin­der!) immer gut an. Das Design durch­läuft alle inter­nen Geneh­mi­gungs­stu­fen und geht so raus. Erst, nach­dem es ver­öf­fent­licht ist, stellt man fest, dass gewis­se Ähn­lich­kei­ten zum Migros-Design bestehen – das ist aber nur ein dum­mer Zufall und hat mit dem grund­sätz­li­chen Design-Pro­blem zu tun, dass halt alles irgend­wie schon mal da war.

Mög­lich­keit B: Was bei der Kon­kur­renz gut funk­tio­niert, macht sich auch im eige­nen Regal gut. Das Mar­ke­ting spricht also in der Gra­fik­ab­tei­lung vor mit dem dezen­ten Hin­weis, dass man was ähn­li­ches wie beim Kon­kur­ren­ten machen soll; so ein biss­chen ähn­lich, nicht all­zu­sehr zwar, aber so mit Tie­ren und Krei­sen halt. All­fäl­li­ge kri­ti­sche Rück­fra­gen von der Gra­fik­ab­tei­lung wer­den damit abge­tan, dass es nie falsch ist, wenn man auf bereits bewähr­te Design-Ide­en setzt.

Ich habe zwar kei­nen Ein­blick in die Ver­pa­ckungs-Design-Pro­zes­se bei Coop. Trotz­dem spricht wohl mehr für die Mög­lich­keit B, wenn man die Designs genau­er anschaut:

Tie­re: Jedes Kind liebt Tie­re, war­um also nicht beim Glace dar­auf set­zen. Aus einem See­hund mit Flos­sen wird ergo ein Peli­kan mit Flü­geln; aus einem Affen, der den Arm in die Höhe streckt, wird ein Nil­pferd, dass den Arm in die Höhe streckt. Aus dem Raub­tier Bär wird das Raub­tier Löwe.

Krei­se: Die Geschmacks­rich­tung des Gla­ces steht jeweils in einem Kreis. Immer­hin hat man das bei Coop etwas vari­iert: Bei Migros ist der Kreis klein, bei Coop gross.

Schim­mer rund um das Glace: Bei Migros hat das abge­bil­de­te Glace jeweils als Kon­tur einen weis­sen Schim­mer. Bei Coop auch. Immer­hin hat­te man bei Coop nocht die glat­te Idee, das Glace auf den Kopf zu stel­len. Wie bei der Migros befin­det es sich aber genau auf der Mit­te der Ver­pa­ckung.

Hin­ter­grund­far­be als Flä­che: Migros machts vor, Coop machts nach. Aber man war anstän­dig genug, nicht die­sel­ben Far­ben wie bei der Migros zu neh­men. Bei der Erd­beer-Packung etwa hat man auf ein etwas dunk­le­res Rot gesetzt.

Kalo­ri­en­hin­weis in der rech­ten unte­ren Ecke: Wenns die Migros dort unten hin­setzt, kann es ja nicht schlecht sein. Also prangt er auch bei Coop an der­sel­ben stel­le.

Anzahl Glace im Kar­ton: Bei Migros 12 Stück. Bei Coop 12 Stück.

Preis: Bei Migros kos­tet eine Schach­tel mit zwölf Gla­ce­stän­geln 7.20 Fran­ken. Bei Coop auch.

Ist das also alles nur Zufall? Bestimmt. Einen deut­li­chen Unter­schied gibt es aller­dings: Bei der Migros ist das Glace-Design schon Kult. Bei Coop muss sich das erst noch ent­wi­ckeln. In zehn bis zwan­zig Jah­ren wis­sen wir dann mehr.



Design im Wein­an­bau­ge­biet (2/2)

Ein kei­nes Gedan­ken­spiel: Wie stellt man sich jeman­den vor, der auf sei­ne Wei­ne eine sol­che Eti­ket­te klebt?

Wagen wir mal eine klei­ne Inter­pre­ta­ti­on: Da setzt jemand auf Tra­di­ti­on und Geschichts­be­wusst­sein. Die Moder­ne hat hier noch nicht Ein­zug gehal­ten. Alles ist gut so wie es ist, und das seit Jah­ren. Als Kon­su­ment eines sol­chen Trop­fens kann man sich dar­auf ver­las­sen, dass man bestän­di­ge Qua­li­tät bekommt. Alles hat hier sei­nen gere­gel­ten Gang, Expe­ri­men­te braucht es hier nicht. Die Eti­ket­te sieht seit Jahr­zehn­ten gleich aus, und einen moder­nen Gra­fi­ker wird man hier nie ans Werk las­sen. Aber gut, Leu­te, die sol­che Initia­len wie auf der Eti­ket­te malen kön­nen, deren Kunst­fer­tig­keit ist ja auch nicht ganz zu ver­ach­ten.

Ich hat­te Gele­gen­heit, das Wein­gut zu besu­chen, wel­ches die­se Eti­ket­ten her­stellt. Es war ein Aus­flug in längst ver­gan­ge­ne Zei­ten. Wäh­rend moder­ne Win­zer ihrer Arbeit auch visu­ell eine moder­ne Spra­che ver­lei­hen (schön ein­ge­rich­te­te Wein­kel­ler, moder­ne Eti­ket­ten, ein gewis­se Stil­ge­fühl), ist die­ses Wein­gut hier sozu­sa­gen die Anithe­se zum moder­nen Wein­we­sen – und ver­leiht dem auch visu­ell Aus­druck. Doch stel­len wir zuerst mal den Win­zer vor. Das hier ist er, Paul Per­not:

Der Win­zer Paul Per­not im Gespräch.

Paul hat sein Wein­gut im Griff. Der Mann, inzwi­schen weit über 70, hält die Zügel fest in der Hand. Zwar hat er das Tages­ge­schäft längst sei­nen Söh­nen über­tra­gen; trotz­dem schaut er ihnen sehr genau auf die Fin­ger. Und legt Wert auf Bestän­dig­keit, wie er selbst bekräf­tigt:

Wir machen unse­re Wei­ne immer gleich. Seit Jahr­zehn­ten.

Degus­tiert man Wein, so wird man bei moder­nen Win­zern in einen schön aus­ge­bau­ten Wein­kel­ler gebe­ten. Bei Paul ist das anders. Die Ver­kos­tung fin­det in einer öden Lager­hal­le statt, deren Charme und innen­ar­chi­tek­to­ni­scher Wert gegen Null ten­diert:

Blick in die Lager­hal­le von Paul  Per­not

Degus­tiert wird einem der Wein an die­sem mit schwar­zer Folie über­spann­ten Tisch. Zele­briert wird das nicht spe­zi­ell. Alles läuft hier sehr prag­ma­tisch ab. Bevor man den Wein degus­tie­ren darf, wird einem die Preis­lis­te gereicht. Das ist nicht etwa eine Excel-Tabel­le, auch kein Doku­ment, das in Word erzeugt wur­de. Nein, hier tut es noch die gute alte Schreib­ma­schi­ne:

Preis­lis­te des Wein­guts von Paul Per­not.

Von Com­pu­tern hält man hier sowie­so wenig, Gerüch­ten zu Fol­ge steht hier nir­gends so ein Gerät. Auf die Fra­ge mei­nes Kol­le­gen (ein aus­ge­wie­se­ner Wein­ken­ner), wie man denn  Wein bestel­len könn­te, war dies die – ernst gemein­te – Ant­wort:

Schi­cken Sie mir ein Fax.

Immer­hin hat­te sich Mon­sieur Paul in sei­ner Lager­hal­le auch ein klei­nes Büro ein­ge­rich­tet. Dort sticht einem ein Schnur­los-Tele­fon ins Auge, soweit geht man dann tech­no­lo­gisch doch. Aber anstatt die Tele­fon­num­mern im Tele­fon zu hin­ter­le­gen, wer­den die­se lie­ber auf ein Stück Kar­ton geschrie­ben, das dann gut sicht­bar plat­ziert wird:

Büro in der Lager­hal­le auf dem Wein­gut von Paul Per­not.

Auch in der Logis­tik setzt man auf Kar­ton. Die Lie­fe­run­gen ins Aus­land wer­den nicht etwa mit einem moder­nen Lie­fer­schein aus­ge­stat­tet. Son­dern auf Kar­ton­stü­cken auf­ge­lis­tet, und zwar fein säu­ber­lich:

Wein, fer­tig zum Aus­lie­fern auf dem Wein­gut Paul Per­not.

In Krea­tiv­krei­sen behaup­tet man ja immer ger­ne, dass ein biss­chen Cha­os der Krea­ti­vi­tät kei­nen Abbruch tut. Ähn­li­ches lässt sich viel­leicht auch in der Wein­bran­che sagen. Eine Detail­auf­nah­me aus der Lager­hal­le: Hier sta­peln sich Wei­ne­ti­ket­ten, aus­ge­dien­te Wein­kis­ten, Kar­ton­schach­teln uns sogar ein paar une­ti­ket­tier­te Wein­fla­schen, deren Inhalt aber wohl nur der Chef selbst ken­nen dürf­te:

Blick in die Lager­hal­le von Paul Per­not.

Auch wenn es auf dem Wein­gut Per­not also hemds­ärm­lig zu und her geht, darf man nicht unter­schla­gen, dass hier tol­le Wei­ne pro­du­ziert wer­den. Wäh­rend moder­ne Win­zer aber ihren Wein auch etwas zele­brie­ren und ger­ne über ihre Arbeit und ihre Metho­den spre­chen, ist Paul eher ein Mann der weni­gen Wor­te. Das Phi­lo­so­phie­ren über den Wein liegt ihm nicht, was auch nicht nötig ist, denn er steht für ande­re Wer­te: Für das Bestän­di­ge und Tra­di­tio­nel­le. Das muss ja nicht a prio­ri schlecht sein. Aber ich gebs zu: Visu­ell zumin­dest war der Besuch bei Mon­sieur Paul ein beson­de­res Erleb­nis. Jetzt muss ich nur noch schau­en, wo ich mei­ne vor 15 Jah­ren ein­ge­mot­te­te Fax­ma­schi­ne ver­sorgt habe.

Paul Per­not in der Lager­hal­le sei­nes Wein­guts.

Design im Wein­an­bau­ge­biet (1/2)

Kürz­lich hat­te ich das Ver­gnü­gen, ein paar Tage im Bur­gund zu ver­brin­gen. So endet es halt, wenn man Wein­freaks zu sei­nen Freun­den zählt. Natür­lich haben wir viel Wein getrun­ken und den einen oder ande­ren Win­zer besucht. Doch dar­über kann besag­ter Wein­freund bes­ser Aus­kunft geben. Hier soll es um einen ganz ande­ren Aspekt des Bur­gun­des gehen: Näm­lich dar­um, wie die Wein­re­gi­on design­mäs­sig so insze­niert wird.

Nun muss man ganz grund­sätz­lich sagen, dass das Bur­gund zu den schöns­ten Regio­nen auf unse­rem Kon­ti­nent zählt. Über­all zie­hen sich die Wein­re­ben male­risch den «hei­li­gen Hügeln» (O-Ton Wein­freund) ent­lang. Die Dör­fer im Bur­gund: Wie gemalt. Stein­häu­ser all­über­all, nir­gends eine archi­tek­to­ni­sche Bau­sün­de weit und breit. Die Fran­zo­sen haben eben einen Sinn für (auch all­täg­li­che) Ästhe­tik, das spürt man hier an jeder Ecke.

Design­mäs­sig gibt es hier eine klei­ne Nische zu ent­de­cken: Die Wein­re­gi­ons-Beschrif­tung. Signa­ge-Design im Land des Spit­zen­wei­nes also. Schrif­ten­ma­ler schei­nen hier reich­lich Arbeit zu haben. Wohin man schaut: Hier wer­den Beschrif­tun­gen nicht digi­tal pro­du­ziert und auf irgend­wel­che Kunst­stoff­plat­ten gepappt, son­dern im Regel­fall von Hand gemalt. Das hat­te was herr­lich indi­vi­du­el­les und gab der Regi­on  ein lie­be­vol­les Gesicht – man spürt so auch rein visu­ell, dass Wein hier eine Her­zens­an­ge­le­gen­heit ist.

Schaut man dann bei den Wein­gü­tern vor­bei, dann setzt sich dort der ästhe­ti­sche Ein­druck fort: Die guten Win­zer wol­len auch ein anstän­di­ges Logo und anstän­di­ge Wei­ne­ti­ket­ten haben und sind sich nicht zu scha­de, dafür einen guten Gra­fi­ker zu enga­gie­ren. Schliess­lich hat man ja auch einen Ruf zu ver­lie­ren.

Nur ein Ort war ästhe­tisch etwas schwie­rig, das lag vor allem an Mon­sieur Paul. Doch dar­um soll es im nächs­ten Post gehen.

Mit einem Klick auf die unten­ste­hen­de Bild­ga­le­rie gibt es ein paar kom­men­tier­te Bei­spie­le von bur­gun­di­schem Wein-Design:

Der Unfall

Tja, die «20-Minu­ten-Design-Aus­ga­be» ist wohl einer der gröss­ten Design-Unfäl­le in der schwei­zer Print­land­schaft. Das ist eigent­lich scha­de, wenn man das mal rein aus dem Design-Blick­win­kel anschaut (die Ver­mi­schung von redak­tio­nel­lem Inhalt mit Wer­bung ist eine ande­re Geschich­te): Denn immer­hin wur­de da hin­ter den Kulis­sen von der Krea­tiv­mann­schaft viel Arbeit rein­ge­steckt. Scha­de auch für das Luzer­ner Stu­dio Fei­xen, das eigent­lich recht coo­les Zeugs macht, gera­de auch im Poster­be­reich. Es ist sehr frus­trie­rend für Gestal­ter, wenn man soviel Ener­gie in ein Pro­jekt steckt und am Schluss der Fun­ken nicht zün­det.

Die Fra­ge ist, war­um da intern nicht frü­her die Alarm­glo­cken geläu­tet haben. Denn eigent­lich ist es ja eine alte Wahr­heit im Zei­tungs­de­sign, dass die Les­bar­keit der Arti­kel nie­mals tan­giert wer­den darf; sie ist nahe­zu hei­lig. Wenn sie dann noch kom­mer­zi­el­len Inter­es­sen geop­fert wird, dann stösst das erwar­tungs­ge­mäss im Publi­kum auf wenig Gegen­lie­be. Expe­ri­men­tie­ren ist natür­lich in Ord­nung, die Anzahl der 08/15-Zeitungsseiten ist auch so immer noch hoch genug, so dass man ger­ne mal design­mäs­sig auf­bre­chen darf und soll – aber nicht auf Kos­ten des inhalts.

Zu guter Letzt: Wenn man hin­ter die Farb­kleck­se der Design-Aus­ga­be blickt, offen­bart sich etwas span­nen­des – für die Arti­kel wur­den neue Schrif­ten ein­ge­setzt. Und das sieht gar nicht mal so schlecht aus, wenn man sich die Far­be weg­denkt. Als eigent­lich urban ori­en­tier­te Zei­tung hät­te 20 Minu­ten durch­aus mal ein moder­ne­res Lay­out als das heu­ti­ge ver­dient; gera­de in Skan­di­na­vi­en gibt es vie­le toll design­te Gra­tis­ti­tel. Viel­leicht könn­te man sich da mal inspi­rie­ren las­sen. Das ist mei­ne rein pri­va­te Mei­nung, die in keins­ter Art als Kol­le­gen­schel­te zu ver­ste­hen ist.

Kürz­lich am Kebab-Stand

Für die Ästhe­ten unter uns ist die Welt oft eine Zumu­tung. Dabei geht es nicht dar­um, dass man als Mensch mit Nei­gung zum Schö­nen über­all das Per­fek­te erwar­tet; Ästhe­tik kann auch aus dem Unvoll­kom­me­nen ent­ste­hen. Aber es gibt einen Unter­schied zwi­schen dem Unper­fek­ten und der puren Gedan­ken­lo­sig­keit.

Ein Bei­spiel: der Kebab -Laden um die Ecke. Meist hän­gen da über dem Tre­sen Infor­ma­ti­ons­ta­feln, die ästhe­tisch frag­wür­dig auf das Ange­bot des Lokals hin­wei­sen. Die Fotos dar­auf sehen aus, als ob sie in den 1970er-Jah­ren gemacht wor­den wären. Die Namen der Menüs wer­den KOMPLETT IN GROSSBUCHSTABEN GESETZT. Und bei der Auf­lis­tung der Prei­se schwimmt das Gan­ze der­art, dass man sich fragt, ob die Tabu­la­tor­tas­te kaputt war.

Wenn man das so betrach­tet, kommt man zum Schluss, dass hier kein Gra­fi­ker am Werk gewe­sen sein kann. Schlim­mer ver­mut­lich: Man hat das in Micro­soft Word «gestal­tet». Nun kann man natür­lich sagen: Ist doch egal – solan­ge der Kebab 1A ist. Viel öfter stellt man aber fest, dass der Kebab , der einem gereicht wird, den 1970er-Jah­re-Bil­dern tat­säch­lich sehr ähn­lich sieht. Das Ver­spre­chen auf der Info­ta­fel wird voll und ganz ein­ge­löst. Was ja eigent­lich fast schon wie­der gutes Design ist. Und beweist, dass ich die Ästhe­tik von Kebab -Läden bis­lang total unter­schätzt habe.

Die­ser Text erschien am 2. April 2017 als Kolum­ne in der Zen­tral­schweiz am Sonn­tag und in der Ost­schweiz am Sonn­tag.

Lich­ter­lö­schen

Sitzreihen im Kino Limelight LuzernEs gab Zei­ten, da war die Stadt Luzern ein Kino­pa­ra­dies. Kinos an jeder Ecke; ihre Aus­sen­fas­sa­den waren eine lie­be­vol­le Refe­renz an die Grün­der­zeit des Kinos und tru­gen dar­um etwas zu einem leben­di­gen Stadt­bild bei. Das ist lei­der schon ein paar Jah­re her. Und jetzt wur­de auch noch der vor­letz­te Ver­tre­ter die­ser alten Kino­gat­tung geschlos­sen: Das Kino Lime­light (Bild) ist in die Som­mer­pau­se gegan­gen – und die wur­de jetzt in die Ewig­keit ver­län­gert. 

Das schmerzt Kino­freun­de beson­ders. Das Lime­light war ein klei­nes, her­zi­ges, plü­schi­ges Kino. Es hat­te die rich­ti­ge Grös­se: Nicht zu klein (wie die unsäg­li­chen Schuh­schach­tel­ki­nos im Capi­tol), nicht zu gross (so dass man einen ver­nünf­ti­gen Film auf einer ver­nünf­ti­gen Lein­wand anschau­en konn­te). Und eben sehr warm, sehr kusche­lig, eine klei­ne Insel des Wohl­füh­lens. Auch, dass es im Lime­light einen klei­nen Bal­kon gab, trug dazu bei, die nost­al­gi­schen Kino­ge­füh­le zu beflü­geln. Das war noch gute Kino-Innen­ar­chi­tek­tur.

Mit der Schlies­sung des Lime­lights ver­liert die Stadt eine wei­te­re prä­gen­de Ecke. Der Bau eines Mega-Kino­kom­ple­xes im Vor­ort Emmen hat das Kino­ster­ben in der Stadt beschleu­nigt. Schlim­mer aber ist, dass inzwi­schen fast die gan­ze Kino­sze­ne von einem pro­fit­ori­en­tier­ten Zür­cher Kino­mul­ti gesteu­ert wird.

Nun ist ja an und für sich nichts schlech­tes dabei, wenn ein Kino­be­trei­ber auch Geld ver­die­nen will. So funk­tio­niert nun mal die Markt­wirt­schaft, auch im Film­busi­ness. Sehr wohl ein Unter­schied ist es aber, ob ein Unter­neh­mer das Kino­ge­schäft nur aus Pro­fit­grün­den betreibt oder sich eben auch der Sache des guten Films ver­pflich­tet fühlt.

Bei­spiel Zug: Hier gehö­ren die Kinos der Fami­lie Ulrich. Amü­siert erin­ne­re ich mich an mei­ne Jugend­jah­re zurück: Damals, als Seni­or Ulrich in den Kino­saal stürz­te und laut­hals zu ver­ste­hen gab, dass er für den gera­de anlau­fen­den Hol­ly­wood-Mas­sen­pro­duk­ti­ons­film nichts übrig hat. «Schaut doch was ver­nüf­ti­ges. Woo­dy Allen zum Bei­spiel», sag­te er dann. Als Jugend­li­che haben wir ihn belä­chelt. Heu­te muss ich sagen: Der Mann hat­te eine Mis­si­on. Für gute Fil­me ging er durchs Feu­er.

Ja und genau die­ses Feu­er ver­mis­se ich in Luzern heu­te. Kino ist kein Erleb­nis mehr, son­dern ein pro­fit­ori­en­tier­tes Mas­sen­ge­schäft gewor­den; seit der Zür­cher Kino­kon­zern hier regiert, sind die Prei­se auch deut­lich ange­stie­gen. Zum Stadt­bild tra­gen die heu­ti­gen Kinos nichts mehr bei. Das Capi­tol ist ein lang­wei­li­ger, unin­spi­rier­ter Bau und das Cine­max in Emmen moder­ne, belie­bi­ge Shop­ping-Cen­ter-Archi­tek­tur.

Den wah­ren Film­freun­den bleibt also der­zeit nur noch das Art­house-Kino Bour­baki, das wenigs­tens an einem wun­der­ba­ren Ort unter­ge­bracht ist. Und das aller­letz­te Sin­gle-Kino der Stadt, das Modern, das auch dem Zür­cher Gross­kon­zern gehört und mitt­ler­wei­le (nebst dem Bour­baki) einer der weni­gen Orte ist, wo man noch Fil­me in Ori­gi­nal­spra­che anschau­en kann. Man darf gespannt blei­ben, ob auch das «Moder­ne» noch ein paar Jah­re über­lebt – oder ob auch die­ses alt­ehr­wür­di­ge Kino irgend­wann dem Pro­fit geop­fert wird.